Zeitungsartikel Eisbergfreistadt Zeitungsartikel Eisbergfreistadt
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Eisbergfreistadt, 17. November 1923

Im Jahr 1923 trieb ein riesiger Eisberg in die Ostsee und lief vor der deutschen Hafenstadt Lübeck auf Grund. In jenem Jahr hatte die außerordentliche Stärke der polaren Ostwinde dafür gesorgt, dass gleich mehrere Eisberge mit dem Spitzbergen-Strom ungewöhnlich weit nach Süden trieben. Meereis wurde in Bergen und in Teilen Nord-Schottlands gesichtet, und einige deutsche Wissenschaftler stellten die These auf, dass die Hitze des Fabrikrauchs in diesem Jahr zu einem abnormal hohen Abbruch arktischen Packeises geführt haben müsse.

Die Bürger von Lübeck erklärten den Eisberg zu einer Freihandelszone und nannten sie "Eisbergfreistadt". Sie hofften, dass sich der Eisberg zu einer Finanzoase entwickeln würde. Es wurde Notgeld in Umlauf gebracht, das zwar Mark auswies, aber dessen Wert an Finanztermingeschäfte und die Ausnutzung von Preisunterschieden von Devisen gebunden war. Verschiedene Kommunen wie Bremen und Lübeck versuchten, ihr eigenes Notgeld an das von Eisbergfreistadt zu koppeln, indem sie ihre eigenen Banknoten überdruckten oder überstempelten. Auf dem Höhepunkt der Inflation erging es diesem "Eisberggeld" jedoch auch nicht anders als der Mark.

Trotz ihres Versagens, sich als Finanzoase durchzusetzen, faszinierte die Eisbergfreistadt die Menschen der damaligen Zeit. Zu Tausenden kamen sie nach Lübeck, um den Berg zu sehen, und selbst mit dem Zeppelin konnte man auf den Eisberg reisen. Die Souvenir-Industrie blühte und es entstanden unter anderem Spielkarten und Geschirr. Der Eisberg inspirierte eigene Lieder und wichtige Künstler der Zeit malten ihn. Am bedeutsamsten aber war, dass er auf die Mitglieder der utopischen Bewegung "Die Gläserne Kette" eine besondere Faszination ausübte.

Vom Künstler und Architekten Bruno Taut ins Leben gerufen, fand innerhalb der "Gläsernen Kette" ein Briefwechsel zwischen den führenden Verfechtern expressionistischer Architektur in Deutschland statt, unter ihnen auch Walter Gropius und Wenzel Hablik. Die Gruppe war von Kristallstrukturen und Glas fasziniert, und vor allem von dem architektonischen Potenzial, das sie in diesen entdeckte. Als dann der riesige Eisberg an die Küste gespült wurde, war die Gruppe begeistert: Sie entwarf utopische Städte aus Eis und veröffentlichte Manifeste im Namen der imaginären sozialistischen Regierung des Eisbergs in absentia. Kurioserweise wurden viele Zeichnungen der Gruppe auf Notgeld abgedruckt, und vor allem Hablik steuerte mehrere herausragende Entwürfe bei.

Zur Gründungsfeier der Bank von Eisbergfreistadt wurde im Herbst 1923 ein großer Maskenball auf dem Eisberg veranstaltet. Viele Teilnehmer kamen als Tiere des Polarkreises und Polarforscher verkleidet. Eine Gruppe unter Führung Wenzel Habliks erschien als Schweine und Ratten. Bedauerlicherweise war das vereinte Gewicht der Feiernden so groß, dass der Eisberg in zwei Teile zerbrach. Einer dieser Teile kollabierte schließlich und schmolz, was zu erheblichen Schäden im Industriegebiet von Lübeck führte; der andere aber trieb zurück in die Ostsee, sodass ihn der Norwegische Strom wieder in die Arktis trug. Man startete mehrere Such- und Rettungsaktionen für all jene, die das Pech hatten, auf letzterem gestrandet zu sein. Hablik gehörte zu ihnen und wurde irgendwann nahe dem Polarkreis gerettet.